Die mündlichen Abiturprüfungen in Rheinland-Pfalz markieren für viele Schülerinnen und Schüler einen eigenartigen Übergang: Einerseits liegt das Gröbste bereits hinter ihnen – die Klausuren sind geschrieben, die intensive Phase des Auswendiglernens scheint abgeschlossen. Andererseits entsteht nun eine Prüfungssituation, die sich deutlich von allem unterscheidet, was sie bisher gewohnt sind. Denn während schriftliche Prüfungen Zeit zum Nachdenken, Strukturieren und Überarbeiten lassen, verlangt die mündliche Prüfung eine andere Form von Leistung: Sie macht Denken unmittelbar und komprimiert sichtbar.
Gerade darin liegt ihre besondere Qualität, aber auch ihre Herausforderung. Leistung zeigt sich hier nicht in der bloßen Reproduktion von Wissen, sondern in der Fähigkeit, Gedanken zu ordnen, Zusammenhänge herzustellen und auf Impulse flexibel zu reagieren. Der vorbereitete Vortragsteil bietet dabei noch eine gewisse Sicherheit – eine Phase, in der Struktur geplant und Inhalte gezielt präsentiert werden können. Doch spätestens im anschließenden Prüfungsgespräch verschiebt sich der Fokus. Wer hier bestehen will, muss mehr können, als Inhalte gelernt haben: Er oder sie muss in der Lage sein, Wissen in Bewegung zu halten.
Vorbereitung auf diese Form der Prüfung lässt sich deshalb nur begrenzt mit klassischen Lernstrategien bewältigen. Es geht darüber hinaus: sie findet meiner Meinung nach so gut wie gar nicht statt. Dabei ist es in einer Phase, in der KI immer mehr die produzierten Lernprodukte der Schülerinnen und Schüler tangiert umso wichtiger, dass sie (auch) diese Fähigkeiten erwerben können, bevor sie sich einer solchen Situation stellen müssen. Eine Floskel besagt: „Die Schule bereitet auf das Leben vor!“ Auf diese Form der Prüfung offensichtlich jedoch nicht wirklich.
Mündliche Prüfungen sind offen angelegt, sie leben vom Gespräch und von der Interaktion. Diese Offenheit entzieht sich der vollständigen Kontrolle durch die Prüflinge. Zugleich ist sie aber genau das Element, das die Prüfung anspruchsvoll und aussagekräftig macht. Wer gelernt hat, mit dieser Unsicherheit umzugehen, zeigt eine Form von Kompetenz, die über das Fachliche hinausgeht. Immer wieder fällt mir hierzu der Begriff „Resillienz“ ein, dem besonders in komplexen und krisenbehafteten Zeiten wie momentan eine bedeutende Rolle zukommt.
Auch für die Lehrkräfte stellt diese Prüfungssituation eine besondere Herausforderung dar. Sie bewegen sich zwischen der Notwendigkeit einer fairen und nachvollziehbaren Bewertung und dem Anspruch, ein Gespräch zu führen, das Denken ermöglicht und sichtbar macht. Gute mündliche Prüfungen entstehen dort, wo beides gelingt: wo Fragen nicht nur auf eine bestimmte Antwort zielen, sondern den Raum öffnen, in dem sich Verständnis entfalten kann.
So betrachtet, sind mündliche Abiturprüfungen mehr als ein letzter Leistungsnachweis. Sie sind eine Verdichtung schulischen Lernens in einer Form, die weniger auf Absicherung als auf Beweglichkeit abzielt. Vielleicht liegt gerade darin ihr eigentlicher Wert: dass sie zeigen, ob Wissen nicht nur vorhanden ist, sondern auch getragen und weiterentwickelt werden kann. In diesem Sinne geht es am Ende nicht allein darum, was jemand weiß, sondern wie jemand mit diesem Wissen umgeht. In diesen Tagen kann man landesweit an den Schulen in Rheinland-Pfalz wieder viele solcher Verdichtungen sehen.